´╗┐
  • Administrator

2014 // A Girl walks Home alone at Night

Benutzeravatar

Themenstarter
Sponskonaut
SERIENGEEK
SERIENGEEK
Beitr├Ąge: 3063
Registriert: Di 9. Dez 2008, 02:08
Geschlecht: ÔÖé (Mann)
Wohnort: Auf der Couch vor der Flimmerkiste...
Land: DE

2014 // A Girl walks Home alone at Night

#1

Beitragvon Sponskonaut » Mo 23. Nov 2015, 12:09

Einen interessanten Film habe ich mir gestern angeschaut. Es handelt sich dabei um die iranisch-amerikanische Produktion "A Girl walks Home alone at Night" (Hollywood-Star Elijah Wood tritt hier auch als Produzent in Erscheinung). Bezeichnet wird der Streifen als "Vampirfilm", wobei dazugesagt sein muss, dass er komplett anders als die Produktionen aus diesem Genre ist, die man sonst so kennt.

https://www.youtube.com/watch?v=v1LA6Qd2N-c
┬áţÖŚ┬áHandlung
Der junge Arash lebt in der iranischen (fiktiven) Stadt "Bad City", wo er mit seinem drogenabh├Ąngigen Vater ├╝ber die Runden zu kommen versucht. Weitere Akteure in diesem Mikrokosmos sind der Drogendealer, der auch Arashs Vater mit Stoff versorgt, dessen Prostituierte, ein kleiner Junge - und ein junges M├Ądchen, das nachts durch die Stra├čen streift....
Mir wurde der Film erst k├╝rzlich empfohlen, geh├Ârt hatte ich davon bislang gar nichts. Was das Genre betrifft, l├Ąsst er sich aber auf keinen Fall ausschlie├člich der Horror-Sparte zuordnen. Genau genommen ist der "Schocker-Anteil" sogar relativ gering und auf sehr wenige blutige Szenen beschr├Ąnkt. Die Grenzen zwischen Horror, Drama, Mystery und Thriller verschwischen doch sehr, die Erz├Ąhlweise ist langsam und eindringlich.

Zu Beginn habe ich mich stark die abgefahrenen Streifen von David Lynch erinnert gef├╝hlt, den die meisten von Werken wie "Twin Peaks", "Lost Highway", "Blue Velvet", "Wild at Heart" oder "Mulholland Drive" kennen d├╝rften, die ja allesamt schwer greifbar sind, wenig auf das "konventionelle" Filmemachen geben, daf├╝r aber andere Merkmale deutlicher herausstellen. Gleiches gilt f├╝r "A Girl walks Home alone at Night": In fast schon hypnotischen Schwarz-wei├č-Bildern, langen Kameraeinstellungen und mit Dialogen, die an Jim Jarmusch erinnern, f├╝hrt die iranisch-amerikanische Regisseurin und Drehbuchautorin Ana Lily Amirpour durch ihr Werk, das man (aufgrund des ├╝berschaubaren Casts) durchaus als Ensemble-Film bezeichnen kann.

Schauspielerisch kann man hier keinem Darsteller einen Vorwurf machen - eher noch im Gegenteil. Die sehr "straffen" und aufs Wesentliche reduzierte Dialoge zwingen die Akteure regelrecht dazu, Emotionen innerhalb k├╝rzester Zeit und ohne Umschweife auf den Punkt zu bringen, was sicherlich keine einfache ├ťbung ist. Wie ich finde, haben aber alle Beteiligten eine solide Darstellung auf die Leinwand gebracht.

Im Gro├čen und Ganzen w├╝rde ich den Film als sehr unkonventionelle "Kunstfilm-Produktion" bezeichnen: Teilweise ├╝berzeichnete Charaktere, Setting und Kamera-Arbeit und eine eher "handlungsarme" Geschichte, die aber schn├Ârkellos durcherz├Ąhlt wird, bieten hier die Merkmale, die man vom amerikanischen Independent-Kino kennt und sch├Ątzt. Dass das nicht immer 100%ig funktionieren muss, sieht man auch in diesem Fall. Beispielsweise hatte ich von Beginn an einige Probleme, "Zugang" zu den Hauptfiguren zu finden, was vermutlich nicht zuletzt auf die "gestraffte" Erz├Ąhlweise zur├╝ckzuf├╝hren ist. Teilweise hatte ich den Eindruck, dass der Plot ein bisschen dem k├╝nstlerischen Aspekt weichen musste, wobei man der Erz├Ąhlung seine Message wahrlich nicht absprechen kann.

Das Werk wurde oft als "feministisch" tituliert, was wohl auch berechtigt, allerdings nicht negativ belegt ist. Bedenkt man die iranischen Wurzeln der Regisseurin, muss es sogar als sehr mutig angesehen werden, dass Ana Lily Amirpour mit ihrem Film die von M├Ąnnern dominierten traditionellen Werte auf den Pr├╝fstand stellt: Da ist dieses junge M├Ądchen im Tschador, das mutterseelenallein durch die Stra├čen zieht und nicht nur die moralische Instanz in der Erz├Ąhlung darstellt, sondern sich zudem (sowohl in ihrer Rolle als Vampirin als auch als heranwachsendes M├Ądchen) in Selbstbestimmung ├╝bt. Dass das ganze Szenario dann auch noch mit 50er-Jahre-USA-├ästhetik vermischt wird - Arash f├Ąhrt hier einen Ford Thunderbird und erinnert optisch an einen amerikanischen Rockabilly - und auch musikalisch die Grenzen zwischen westlicher Popkultur und Einfl├╝ssen aus dem Nahen Osten zusehends verschwimmen, d├╝rfte die Provokation dann noch perfekt machen.

---

Nun ja, zugegebenerma├čen kann ich noch gar kein abschlie├čendes Fazit ziehen. [hmm] Inszenatorisch wurde wohl alles richtig gemacht, kommt die d├╝stere Atmopsh├Ąre mit melancholischer Note in diesen pr├Ągnanten S/W-Bildern doch bestens zur Geltung. Erz├Ąhlerisch h├Ątte man sicherlich einiges besser machen k├Ânnen (vielleicht mit mehr Dialogen) und dem Zuschauer die Message nicht so offensichtlich vor den Latz knallen sollen, sollte aber das Gesamtkunstwerk beurteilen - vor allem unter Ber├╝cksichtigung des "iranisch-provokativen" Aspekts. Wer sich den Streifen anschauen m├Âchte, sollte aber insofern "vorgewarnt" sein, als dass es sich zweifelsohne um Independent-Kino handelt, dessen Referenzen augenscheinlich bei Filmschaffenden wie David Lynch und Jim Jarmusch zu verorten sind und bekannterma├čen nicht jedermanns Geschmack sein d├╝rften. Kurzum: Wer sich eher im Hollywood-Blockbuster-Kino beheimatet f├╝hlt, sollte sich den Film definitiv nicht anschauen.

Auf jeden Fall kann ich sagen, dass mir der Film (trotz der genannten Schw├Ąchen) noch immer durch den Kopf schwirrt und ich mir Gedanken dar├╝ber mache - was ich immer als positives Zeichen werte. [yeshappy] Von daher gebe ich mal drei (sehr solide) Punkte, wobei ich nicht ausschlie├čen kann, dass ich meine Beurteilung noch nach oben hin korrigiere.

Meine Wertung: [popcorn] [popcorn] [popcorn] von 5 Popcorn-Portionen.


I have no country to fight for; my country is the earth, and I am a citizen of the world.
- Eugene V. Debs

Zur├╝ck zu ÔÇ×Horror & FantasyÔÇť

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 G├Ąste